Willkommen, Hauptbahnhof!

Als ich beschloss, noch einmal in die Stadt zu fahren, war es bereits Abend. Der in meinem Terminkalender eigentlich – wie üblich – für bis spät in die Nacht eingeplante Disco-Dreh für „Schloss Einstein“ war nach dreieinhalb Stunden bereits gegen 20.30 Uhr beendet worden, alles im Kasten, danke, bis bald.
Mit der S7 gelangte ich aus Potsdam auf schnellstem Wege Richtung Innenstadt – die an jeder Ecke propagierte Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs stand ins Haus. „Wenn’s sich ergibt, warum nicht?“, dachte ich mir. Dummerweise war ich nicht der einzige mit diesem Gedanken. Mit jeder Station gen Mitte füllte sich auch die S-Bahn, was sich in fortgeschrittenem Stadion etwa so anhörte (nahe Bellevuestraße):
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Als ich noch überlegte, ob es besser sei, schon hier auszusteigen, war es dann auch schon zu spät. Das Warnsignal ertönte und die Bahn schloss, so gut es ging, ihre Türen. Langsam und sichtlich bemüht setzte sich der Zug in Bewegung – gemächlich durch den Hauptbahnhof (ein „….Aaah! ….Ooooh!“ Machte die Runde), schließlich haltend am Bahnhof Friedrichstraße. Eine Junge Frau sehe ich aus einer Seitenstraße kommen. Schockiert bleibt sie vor dem Bahnhof stehen und ruft verzweifelt: „Wollen die auch alle da hin?“ Mit einem Mir-Bleibt-Ja-Nichts-Anderes-Übrig-Gesicht ging sie weiter und verschwand sogleich in der Masse.
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Der Marsch zum Bahnhof glich einer Völkerwanderung.
Zehntausende waren gekommen, um das für 22.30 angekündigte Lichtspektakel aus Lasern und Feuerwerk zu bestaunen. Wer zu dieser Zeit im Auto saß, hatte – um es unverblümt zu sagen – die Arschkarte. Ohne Rücksicht auf die Verkehrsregeln strömten Massen auf die Kreuzungen, verursachten Wut und Aggression bei den motorisierten Verkehrsteilnehmern, die dann auch gern die Drehzahl ihres Wagens hoch laufen ließen, um sich an den erschreckt weg springenden Passanten zu ergötzen. Auch einige Polizei- und Feuerwehrwagen hatten selbst mit Martinshorn und Blaulicht kein leichtes Spiel, an rücksichtslosen Besuchern vorbeizukommen.
Bald war der Bahnhof erreicht, der Strom verteilte sich nun in verschiedene Richtungen. Der einsam stehende Baum, den ich im August letzten Jahres noch vor die Linse bekommen hatte, war inzwischen leichter Regenschutz für die Menschen rings um ihn geworden; die damals so leere Wiese war nun über und über mit hin- und herlaufenden Zuschauern bevölkert.
Ich bahnte mir meinen Weg durch die Masse mit Ellenbogen und Beinen, diese Methode erzeugt zwar geringe Differenzen mit dem Einen oder Anderen, ist ansonsten aber die Effizienteste.
An einer einigermaßen leeren unvollen Stelle fand ich meinen Platz und beobachtete das Zusammenspiel aus Lichtern und Musik. Auf dem am Haupteingang hängenden Bildschirm pulsierte ein roter Punkt, das „Herz des Bahnhof“ begann zu schlagen.
Die in den vorderen Reihen stehenden Schirm-Träger wurden mit Sprüchen wie „Ihr Weicheier, die drei Troppen!“ freundlich aufgefordert, ihre „verdammten Mistdinger“ aus dem Blickfeld zu schaffen.
Es folgten Laser- und Feuerwerks-Effekte, bis sich kurz darauf zwei mit den größten und hellsten modernen Strahlern ausgestattete Züge aus Ost und West zu einer Mischung aus Ost-West-Musik (City, Nena, Karat), klassischen Elementen (Schwanensee) und Soundtrack-Giganten (Fluch der Karibik, Shrek) aufeinander zu bewegten, um sich im bereits seit einigen Minuten illuminierten Bahnhof zu vereinen.[thumb:36::l=g:s=1]
Es folgten weitere Effekte, die irgendwie (das ist was für Kunstlehrer) die Geschichte, den Bau und die Modernität, Flexibilität und das Unikum dieses Verkehrsknotenpunktes darstellen sollten.
Einen feierlichen Abschluss erreichte die Zeremonie mit Tschaikowskis Schwanensee, bei dem selbst die schärfsten Schirm-Kritiker weich wurden.
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Pünktlich zum Ende der „Licht-Show“ geschah, was eigentlich zu erwarten war: „Rien ne va plus.“ – Nichts geht mehr. Ich versuchte, mich schnellstmöglich aus der viskosen Menge zu befreien – vergeblich. Ich steckte fest in einem riesigen Mob, der auf direktem Wege zum eröffneten Hauptbahnhof wollte. Gegen den Strom schwimmen? Unmöglich. Eine tapfere Seniorengruppe hatte das bereits versucht und war gescheitert. Warten. Stimmen. Licht. Wasser. Enge. Wand.
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Der erste Fortschritt stellte sich nach einer Dreiviertelstunde ein: es ging vorwärts! Nach einigen Zentimetern war wieder Schluss. Inzwischen war meine Kamera anscheinend so vom Regen attakiert worden, dass das Display plötzlich die Farben negativ darstellte und flimmerte. Nach einigen netten Worten und Minuten bangender Hoffnung funktionierte sie dann wieder.
Den Nachrichten zufolge, die von Person zu Person nach hinten weiter getragen wurden, ließen verlauten, Polizisten hätten eine Brücke gesperrt, da der Bahnhof restlos überfüllt sei.
Aufgehitzte, alkoholisierte Gemüter fingen Parolen an mit „Wir sind das Volk“, über ging es in „Olé, olé, olé, olé… wir wolln die Brücke, olé“, bis hin zu „Bullenschweine! Macht die Brücke auf!!“
Weitere endlose Minuten vergingen, plötzlich regte sich etwas! Die Brücke war zwar immer noch nicht offen, trotzdem konnten sich endlich alle verteilen. Ich entging so schnell ich konnte dem Chaos. Rasch an einem Geländer hochgeklettert, war mir nun der Weg zur Station Bellevuestraße geöffnet.
Nach wenigen Kilometern kam ich endlich am Bahnhof an, quetschte mich noch in die restlos überfüllte Bahn nach Ahrensfelde ein, bevor sie losfuhr.
„Nächste Station: Berlin Hauptbahnhof – Lehrter Bahnhof“, tönte es aus den Lautsprechern. Aus dem vorhin noch so euphorischen „Oooh!“ wurde ein wehleidiges „Oooh neeeeiin!“, als vom Hauptbahnhof – er war inzwischen für die Breite Masse geöffnet – tausende Menschen drängten, um die Bahn zu nutzen. „Will jemand raus?“, fragte ein Passagier an der Tür. Als ein monotones „NEIN!“ zu hören war, wurde kollektiv beschlossen, die Tür zu versperren. Für mehr als zwei Menschen, die es heimtückisch schafften, in unseren Wagon zu gelangen, wäre eh kein Platz mehr gewesen, also begann auch hier die Bahn wieder ihre schwermütige Fahrt nach Ahrensfelde.
Ein Jugendlicher schrie – vermutlich aus Jux – „Ich habe eine Bombe!“, was jedoch von den Passagieren im Wagon ignoriert wurde. Lediglich eine Junge Frau rief ihm genervt mit einem allzu hörbaren Anflug von Ironie zu: „Wie schön für Dich!“
Vorbei ging es also auf Brücken über verstopfte Straßenzüge. Zu meiner Verwunderung war eine Straße zugedeckt von Polizei- Notarzt- und Feuerwehrwagen. Wie ich am nächsten Morgen im Radio hören werde, hat hier ein 16jähriger Jugendlicher aus Neukölln im Rausch 28 Menschen niedergestochen.
Nichts ahnend fuhr ich also weiter, hörte mir noch an, wie sich eine neben mir sitzende, etwa 40jährige Frau nach dem Betrachten meiner Kamera bei ihrem Mann beschwerte, ihr sei zum wiederholten Male aufgefallen, wie viele Menschen „die Realität heutzutage nur noch über ihr Objektiv“ wahrnähmen, und kam ohne weitere Zwischenfälle gegen 1:30 Uhr erschöpft zu Hause an.
Mehr Bilder gibts in meinem Album Bahnhöfe oder Bilder von Usern aus aller Welt in der flickr-Gruppe Berlin Hauptbahnhof.

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