Zimmermädchen
Gerade habe ich noch auf den letzten Drücker (es ist 4 Uhr und 11 Minuten – die Nacht ist mein neuer Freund) die Hausaufgabe für den Lektürekurs erledigt: eine Reportage von Angelika Overath und eine Geschichte von Kurt Tucholsky gelesen.
Obgleich mir Tucholskys „Affenkäfig“ weitaus mehr zusagte (ich habe ihn laut vor mich hin gelesen in einem Die-Sendung-mit-der-Maus-Stil, der mit dem satirischen Text erstaunlicherweise perfekt harmonierte), komme ich nicht umhin, Frau Overaths Reportage „Im Bellevue Palace der Zimmermädchen“ hier kurz aufzugreifen und näher auseinander zu pflücken. Sie beschreibt darin die Arbeit der Zimmermädchen in einem noblen Hotel in Bern. Die Reportage hat mich (leider) nicht mitgerissen, ich bin irgendwie am Anfang stehengeblieben und wollte einfach nicht mitkommen.
In einer Erklärung zum Text schreibt die Autorin folgende Zeilen:
Ich wollte, dass niemand, der meine Reportage las, jemals wieder ein Hotelzimmer betreten würde, ohne die Arbeit zu begreifen, die hinter dieser bezahlten Ordnung und Sauberkeit steckt.
Das trieb mich in den Wahnsinn. Ich reflektiere sehr wohl die Arbeit von Zimmermädchen, so ich denn gegebenenfalls in einem Hotel verweile. Meist komme ich direkt in Kontakt mit ihnen. Es ist diese Mischung aus Anonymität und Neugierde, die mich diese (ich nenne sie jetzt aus Synonymnot abwertend) Putzfrauen hereinbitten lässt, auch wenn sie vorerst zurückschrecken, jemanden im Zimmer vorzufinden und beteuern, auch gerne später wiederkommen zu wollen. Meist entsteht aber auch ein direkter Dialog, der einer Unart meinerseits entspringt. Oftmals sehe ich mich den Zimmermädchen nämlich gegenüber, weil sie mich mit weit aufgerissenen Fischaugen und fassungsloser Mine anstarren. Das liegt daran, dass ich die Gewohnheit pflege, von mir bewohnte Hotelzimmer so umzuräumen, dass die Möblierung meinem Wohlfühlstandard entspricht. Ist der Fernseher an der falschen Stelle (ich schaue in Hotels immer Unterschichtenprogramme, vermutlich aus Einsamkeit), wird er einfach umgeräumt. Das ist leider unvorteilhaft, wenn die Kabel nicht ausreichen, um ihn an den Platz meiner Wahl zu bewegen. Dann muss halt der Kleiderschrank (oftmals sind die leicht zu bewegen) weichen und das Bett kommt ans Fenster, damit ich rausschauen kann. Badetücher kommen auf den Schreibtisch, damit sie nicht den gefliesten Fußboden aufwischen und die Schreibtischlampe kommt auf den Boden (ich habe erstaunlich oft Verlängerungskabel im Gepäck), wo sie meines Erachtens in der Lage ist, eine gemütlichere Atmosphäre zu verstrahlen. Leider stehen die Zimmermädchen bei ihrem morgendlichen Besuch (von dem ich dann geweckt werde) vollkommen angewurzelt im Eingangsbereich stehen und ich habe – teils aus Müdigkeit, teils aus Beherrschungslosigkeit osteuropäischer Fremdsprachen – Probleme, zu erklären, dass ich kein Vandalist bin und bei meiner Abreise alles wieder herrichte, wie es sich nach Auffassung der Hotelleitung (definitiv nicht meiner!) gehört. Um den arbeitenden Frauen dann ein wenig die Scheu zu nehmen, helfe ich auch schonmal mit beim Putzen und dem Herrichten der Betten, habe aber dabei in der Regel das Gefühl, mit Hass bedacht zu werden, weil ich in ein mir fremdes und unantastbares Metier vordringe, dessen Aufgaben und Verpflichtungen ich nicht gewachsen zu sein scheine, zumindest nicht nach den allgemeinen Konventionen der Zimmermädchen oder deren Vorgesetzten. Doch diese nonverbale Kommunikation schafft immerhin eine Ebene zwischen mir und den Bediensteten, da verbale Kommunikationsversuche meinerseits („Wie heißen Sie?“, „Was machen Sie außerhalb der Arbeit?“) aufgrund der Sprachbarriere oder einer gezielten Verweigerung der Zimmermädchen leider nicht fruchten. Aber zurück zu Frau Overath. Sie hat versucht, die Arbeit der Zimmermädchen (mit der ich nunmehr einigermaßen vertraut bin) kompakt, aber detailliert wiederzugeben. Und Frau Overrath hat Recht, wenn sie schreibt:
Das Ergebnis [= die Darstellung] war absolut unspektakulär; aber ich wusste, zumindest ich kann es nicht besser.
Leider muss ich sagen: Recht hat sie. (Was muss ich eigentlich immer [große] JournalistInnen kritisieren? Das ist eigentlich ein Armutszeugnis.) Trotzdem hat Frau Overath eine Verbindung zwischen Zimmermädchen und Journalisten hergestellt, die mir so noch nicht in den Sinn kam:
Ich [bin] eben auch ein Zimmermädchen. Ich gestalte mit Mühe und Kalkül einen imaginären Raum. Und wenn ich gut bin, dann betritt ihn der Leser wie ein vorübergehendes Zuhause. Dann akzeptiert er Tisch und Bett für seinen Hunger, seine Lust und seine Träume. Und er verschwendet – nur wenn ich wirklich gut bin – keine Sekunde auf den soliden Service, der dahinter steht.
Interessante These – aber leider habe ich Frau Overaths mir offerierten Raum nach erster Inspizierung gleich wieder verlassen. Ich konnte mich einfach nicht dort einrichten.
Holladiewaldfee: Du kannst einen Kommentar schreiben oder meinen Feed abonnieren, wenn dir das hier gefallen hat.


Ihren Vergleich find ich total gut und es hat mich total beruhigt, das es nicht nur mir so geht das ein guter viel und präzise Arbeit bedeutet. Aber du hast völlig recht, der Text war streckenweise einigermaßen langweilig….