Wowereit und Ypsilanti gegen Koch in Darmstadt

Andrea Ypsilanti in Darmstadt

Zum Wahlkampfauftritt der SPD am vergangenen Freitag kam sogar die Sonne heraus. Viele hundert Menschen hatten sich auf dem Luisenplatz in Darmstadt zusammen gefunden, als vielleicht bald Hessens erste Ministerpräsidentin Andrea Ypsilanti (SPD) mit Unterstützung von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit zwei Tage vor einer der bislang härtesten Wahlen des Landes auf Stimmenfang gingen.

Andrea Ypsilanti in Darmstadt

In den vergangenen Jahren hat kaum ein Landtagswahlkampf für soviel Aufruhr gesorgt wie dieser, in dem sich Roland Koch (CDU) mit allen Mitteln um seine Wiederwahl bemüht. Mit populistischen Ansichten hat er die Debatte um kriminelle Jugendliche entfacht und den zeitgleich laufenden Wahlkampf in Niedersachen fast vollkommen aus den Medien verdrängt. Der Machtkampf in Hessen belastet die große Koalition. Die bekannten Gesichter der Parteien (Wolfgang Clement außen vor gelassen) stehen ihren Kandidaten bei, und während am Abend die Kanzlerin ihren langzeitigen Erzfeind Koch in Frankfurt wortgewaltig unterstützt, hat Andrea Ypsilanti sich an diesem Nachmittag Berlins Regierenden Klaus Wowereit ins Boot geholt.

Als der auf dem Luisenplatz ankommt, muss er Autogramme geben am Fließband. Er unterhält sich viel, scherzt, und stellt auf der Bühne fest: „Hier sind mir gerade so viele Berliner begegnet – jetzt weiß ich, wo die ganzen Bürger aus Berlin hinverschwinden: Die gehen alle nach Darmstadt!“. Und schwärmt der Masse vor. Wie schön Darmstadt doch sei, und wie sehr er sich freue, hier zu sein. Es folgen die obligatorischen Inhalte, CDU-Bashing und Wahlkampfversprechen. Viele einzelnen Landtagskandidaten der SPD sind gekommen und hoffen, einige der unentschlossenen Wähler mit ihren Parolen zu erreichen – denn das sind über 40 Prozent, wie ein RTL-Team Ypsilanti später mit vorgehaltenem Mikrofon in freudiger Erwartung einer Gefühlsregung mitteilen wird. Vorher aber gibt sie Autogramme, signiert rote Schaumstoffwedelhände, Y-Mützen und von bettelnden Signaturhaschern selbstgeschossene Bilder vom Christopher-Street-Day.

Andrea Ypsilanti campaigning

„Ein Autogramm bitte, für den Nachttisch!“, ruft ein älterer Herr. Andrea Ypsilanti schaut verlegen und sagt, sie hoffe auf das Einverständnis der Ehefrau, die sie nicht eifersüchtig machen wolle. Brav beantwortet sie die Fragen der Meute, nickt Glückwünschenden freundlich zu und lächelt in die Runde. Wie die Kinder freuen sich die Autogrammjäger, scharenweise harren sie aus. Ein Begleiter Ypsilantis kündigt stetig das letzte Autogramm an, wie immer, doch Ypsilanti bleibt volkstreu und schwingt unerbitterlich den wasserfesten Edding. Der Begleiter ordert provisorisch einen Tee im Tourbus, da kommt Klaus Wowereit von links, umarmt Ypsilanti und verabschiedet sich. „Ich wünsche dir viel Erfolg bei der Wahl“, sagt er ihr ins Ohr. „Am Sonntag bin ich bei der Anne Will, da möchte ich dir gratulieren.“

Doch während in Niedersachsen den Prognosen zufolge Christian Wulff (CDU) sein Amt behalten darf, ist unklar, wie die 4,4 Millionen Wahlberechtigten in Hessen ihre Entscheidung über die Zukunft treffen – nicht nur in Hessen, bundesweit. Heute hat der Wahlkampf der schroffen Gegensätze und polemischen Tiraden ein Ende. Als Siegerin der Herzen will Andrea Ypsilanti daraus nicht hervorgehen. Der Wahlkampf der letzten Wochen hat sie erschöpft und belastet. Als das letzte Autogramm gegeben und das letzte Interview überstanden war, atmet sie im Tourbus bei einer Tasse Tee abseits der Öffentlichkeit auf. Bald ist es überstanden, das weiß sie – ob sich der Kampf gelohnt hat, wird sich zeigen.

Andrea Ypsilanti in Darmstadt

Aber unabhängig vom Ausgang der Wahl kann sich Andrea Ypsilanti einer Tatsache bewusst sein: Sie hat es geschafft, innerhalb kürzester Zeit vom unbekannten Gesicht zur Koch-Rivalin Nummer eins aufzusteigen, den Ministerpräsidenten zum Wanken gebracht zu haben. Schafft sie es, den einst so harten Gegner im Land umzuwerfen? Auf skurrile Weise erinnert das an alte Zeiten. Frau Pauli lässt grüßen.

PS: Ich darf als Exil-Berliner hier leider nicht wählen. Daher wollte ich wenigstens mit einem Beitrag, eine Stunde vor der Öffnung der Wahllokale, die Politik in meinem Blog nicht zu kurz kommen lassen. In der Flickr-Slideshow gibt es mehr Bilder der Wahlkampfveranstaltung. Das RTL-Interview mit dem freien Kandidaten Kadim Sanli sollte man sich als interessierter Wahlkampfbeobachter ebenfalls nicht entgehen lassen.

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Comments

Sehr schön geschrieben Flo. Das Bild mit den Autogrammkarten finde ich auch sehr gelungen. :)

…und so ist man sogar am Rio Negro auf dem laufenden, wo es glücklicherweise mal keinen Fernseher, dafür aber Kaimane unterm Bungalow auf Stelzen gibt.

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