Oolong-Gedanken
Von den sieben Tagen, die mir die Woche zu bieten hat, ist mir der Freitag der liebste. Nicht nur, weil das Wochenende vor der Tür steht – nein, seit dem Studium gibt es noch einen anderen Grund: den Chinesischunterricht. Neben der Sprache ergründen wir auch die chinesische Kultur und ich bin immer wieder fasziniert.
Und so stört es mich nicht, jeden Freitag um acht Uhr aufzustehen und mich auf den Weg zur Hochschule zu machen, denn ich weiß schon vorher, dass es sich lohnen wird. Und heute ganz besonders: Wir haben eine traditionelle Tee-Zeremonie abgehalten. Und es war wunderbar.
Unsere Dozentin Chia-Ling Chang-Ripper hatte Oolong-Tee (烏龍茶) aus Taiwan mitgebracht, dessen Name sich auf eine Legende stützt:
Die Bezeichnung „Oolong“ bedeutet „Schwarzer Drachen“ oder „Schwarze Schlange“. Verschiedene Legenden beschreiben den Ursprung dieses interessanten Namens. Einer der Legenden zufolge wurde der Inhaber einer Teepflanzung von seinen trocknenden Teeblättern durch den Anblick einer schwarzen Schlange weggeschreckt; als er sich vorsichtig einige Tage später zurücktraute, waren die Blätter in der Sonne oxidiert und ergaben ein herrliches Getränk. [Quelle: Wikipedia]
Und weil ich so eine Zeremonie noch nie miterlebt habe, will ich hier unbedingt berichten wie das abläuft. Zuerst wird ein Tuch ausgebreitet, weil eine Tee-Zeremonie nie ohne Tropfen verläuft. In der heutigen Zeit, wurde uns gesagt, hat man nur noch selten Zeit für solche Zeremonien. Das ist nämlich die Quintessenz dieser Zeremonie: viel Zeit. Auf das ausgebreitete Tuch wird eine mit Ornamenten verzierte Holzplatte gestellt, die durchlässig ist und eine Auffangschale für abtropfendes Wasser beinhaltet. Auf die Platte werden dann zwei puppenhausgroße Kannen gestellt, eine mit Deckel und eine ohne. Die Kanne mit dem Deckel hat in selbigem ein kleines Loch, das später beim Zuhalten bewirkt, dass nur noch vereinzelte Tropfen die Kanne verlassen. Der Tee – ganze, zusammengerollte Blätter (am besten aus China, hier sei der beinahe unbezahlbar wegen der geringen Nachfrage) – wird zu etwa einem Viertel bis einem Drittel (je nach gewünschter Stärke) in die Kanne mit dem Deckel gefüllt und heißes Wasser (optimale Temperatur 90°C) aufgegossen. Diese kleine Kanne, die höchsten soviel fasst wie meine allmorgendliche Teetasse, reicht für sechs bis acht Personen.
Nach kurzer Ziehzeit (weiß leider nicht mehr, wie lange genau) wird der Tee aus der Kanne mit Deckel in die Kanne ohne Deckel gegossen, wobei man im Regelfall die Deckelkanne direkt in die Deckellose reinlegen kann, ohne dass sie reinfällt. Nach dem Umguss wird der Tee über ein Sieb (in unserem Falle ein halbierter, ausgehöhlter Kürbis mit Siebfläche) in (vielleicht 5 Zentimeter) hohe Teetassen gegeben. Das ist der erste Aufguss – der so genannte Tee des guten Geruchs.
Der zweite Aufguss (den edlen Tee nach einem Aufguss wegzukippen wäre eine Schande, üblich sind etwa fünf bis sechs Aufgüsse) trägt den Titel Tee des guten Geschmacks. Er wird nach der gleichen Prozedur eingegossen in niedrigere (3 Zentimeter?) und vom Durchmesser größere (so wie eine Tasse in unseren Breiten) Tassen. Der Geschmack des Oolongs war kräftig, aber auch sanft – für meine ungeübte Zunge schwer zu beschreiben. Aber sehr aromatisch.
In China ist es mit dem Tee so wie in Frankreich mit dem Wein. Hänge, Lagen und Klima sind enorm wichtig für die Qualität eines Tees – überhaupt nicht vergleichbar mit den hier im Supermarkt erhältlichen Billig-Sorten.
Jeder folgende Aufguss wird Tee der langen Freundschaft genannt. Dazu gibt es Reiskuchen (kleine Kuchen, sehen beinahe aus wie Muffins, mit einem ganz eigenartigen, ungewohnt facettenreichen Geschmack) und getrocknete, gesalzene, gezuckerte und in Süßholz eingelegte Weiß-Pflaumen – zum Knabbern, wohlbemerkt, denn mehr als einen Knabberbissen auf einmal sollte man nicht zu sich nehmen, sonst droht eine Geschmacksexplosion die sich gewaschen hat. Für meine Eltern habe ich drei Pflaumen mitnehmen dürfen und habe sie in drei Frühstückstüten verpackt – trotzdem riecht mein ganzes Zimmer danach. Sehr aromatisch und ungewohnt fremd – asiatisch.
Und während der Tee-Zeremonie heute morgen (man soll den Tee langsam und bewusst genießen) verschwand ich in Gedanken und stellte fest: Ich bin ja gar kein Erstsemester mehr, studiere schon ein halbes Jahr! Ein Jahr sind die Abiprüfungen schon her, und plötzlich wohne ich in Hessen statt Berlin. Die Zeit rast ohne Unterlass – so langsam man den Oolong auch zu trinken vermag.
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