…sind ja quasi die Erfinder der Freundlichkeit
Da stand ich also auf dem S-Bahnhof Grünau und sah den beiden jungen Asiatinnen mehrere Minuten zu, wie sie auf den Fahrplan starrten, lachten, ihr Ziel gefunden hatten, dann wieder zum Fahrplan rannten und wirr dreinschauten auf die Zahlen und Zeichen, die ihnen dort entgegenstrahlten.
Warum bin es immer ich, der dann losgeht und freundlich bestimmt „May I help you?“ sagt? Die Asiatinnen – eine aus Korea und die andere aus Japan – waren dennoch ob meiner Hilfe sehr dankbar, als ich ihnen sagte, das halbstündige Warten auf die S8 sei unnötig, sie könnten auch mit der gerade eingefahrenen Westender bis zum Bundesplatz fahren und dann in die U-Bahn umsteigen (sie wollten zum Kudamm).
Nachdem ich sie dann noch darauf hingewiesen hatte, dass sie ihre Fahrkarten stempeln sollten um einer möglichen Missbilligung durch miesgelaunte Kontrolleure Billigkräfe entgegenzuwirken und wir dann gemeinsam im Zug saßen, konnte ich ihre durch Höflichkeit heruntergespielte Verunsicherung erst dämpfen, nachdem ich ihnen die Route auf ein Blatt Papier gemalt hatte. Ich finde das immer toll, wenn asiatische Menschen glücklich sind. Dann strahlen sie immer noch mehr, als sie sowieso es den gesamten Tag über schon tun. Um nicht als aufdringlicher Eruopäer zu gelten, setzte ich mich nach fertiger Erklärung mit einen Sicherheitsabstand mehrerer Meter in eine einsame Vierersitzgruppe (obwohl ein Mann mit ernster Miene mir gegenüber saß, sah das Quartett einsam aus).
Ich holte aus meinem Rucksack eine ältere Ausgabe des journalisten, um die Reaktion meiner Mitreisenden zu betrachten. Der Mann zieht seine Mundwinkel noch weiter nach unten. Ganz im Gegensatz zum asiatischen Duo, das mich wann immer ich aufblickte, um sicherzustellen, dass sie nicht voreilig ausgestiegen waren und die ganzen ignoranten Berliner nicht nach dem Weg zu fragen trauten, um dann einsam auf dem Bahnhof einschlafen zu müssen und nie wieder kommen würden, mit glänzenden Augen mir entgegenblickte und dankbar winkte. Ich winkte zurück. Und fühlte mich innerlich lächerlich. Wie immer, wenn mir so etwas passiert. Da fühle ich mich nicht wie ein Berliner. Das ist doch irgendwie viel zu nett fürs Klischee.
Aber ich suggeriere mir dann immer: Das ist die eine gute Tat am Tag, die im Gegensatz zu meinen vielen anderen, bösen steht. Wenn ich in der Bahn meinem Gegenüber in die Augen starre, bis es aussteigt. Oder ich Raucher auf Nichtraucherbahnhöfen beschimpfe. Aber wie lebt es sich denn ohne die kleinen Streitereien des Alltags? Öde und fad. Und da ich sowieso seit meinem Studium in Hessen nur noch selten in der Heimat weile, ist das auch halb so schlimm.
Und da helfe ich lieber armen Auswärtigen zum Ausgleich meines bösen Verhaltens, als mir die schönen Streitereien um Regelkonformität und Prinzipienfragen nehmen zu lassen, die vielleicht nicht meinen „Opfern“, aber zumindest mir den Tag versüßen.
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