Und draußen dunkel.
Da sitze ich jetzt also im Zug. Auf dem Abstellgleis. Und habe Zeit. Zum ersten Mal an diesem Tag, war ich doch zuvor von Ort zu Ort gewetzt und sprintete, so schnell es ging, in die U-Bahn, die gerade ihre Türen schloss. Denn es war Endstation.
Eine Gruppe von Jugendlichen auf dem Bahnsteig lacht mich an. Aus, mich, den einzigen Fahrgast zum Abstellgleis. Ich lache zurück, denn dieses Erlebnis ist viel zu einmalig, als es mir von prekariären Picaldijüngern kaputtmachen zu lassen. So stehe ich kurz darauf verzückter Dinge im hell erleuchteten Zug. Und draußen dunkel.
Daran ist nur die hektische Großstadt schuld, denke ich. In Darmstadt wäre mir das nicht passiert. Und sowieso, als Exilberliner fühlt man sich zurück in der Heimat wie ein Tourist. Klappert alles ab, was sehenswert – weil verändert – ist, geht überall essen und plant so die Zeit, dass man möglichst viel von der Stadt in sich aufsaugen kann für die Zeit nach Berlin. Nach Ostern.
Diese Stille im Zug hat auch etwas für sich. Ich gehe langsam durch den Wagen und schaue mir die Wände an. Außer Notbremsen finde ich nichts. Aber der Zug steht ja schon. Dann frage ich mich, warum ich mich eigentlich nach einer Möglichkeit umsehe, hier wieder rauszukommen. Der Zug fährt sicherlich eh bald weiter, auch ohne mein Zutun. Und dann denke ich, dass ich einfach die Stille genießen sollte. Und setze mich hin, nehme eine jungfräuliche Zeitung aus meinem Rucksack und genieße.
Ein rotschöpfiges Wesen in Warnweste glotzt mich an. Durch die zerkratzte Scheibe. Und unterbricht jäh meine gerade so schön still gewordene Ruhe. Ich stehe auf, wir kommunizieren durch die Tür.
„Wat machn Sie denn hia? Ick nehm an Sie bezahln jetzt 120 Euro und ick hole ihnen ’ne Bettdecke, dann übernachtense hier.“ Ich brüskiere mich, dass für 120 Okken ja mindestens Frühstück und Roomservice zu erwarten seien. Sie schmunzelt. Ich setze meinen gespielten Charme auf und bedanke mich für das Angebot. „Nehmse Platz, ick kümmer mir darum. Wartense een paar Minuten, denn fahr ick den Zug inn Bahnhoof. Meene Männa ey, die machn mir Arbeit…“, redet sie mir ins Gewissen. Ich glaube, sie hat immer noch nicht verstanden, dass ich hier der Gast bin.
Über den Preis von 6,10 (damals noch fünf Mark) für eine Tageskarte ärgere ich mich immer noch. Da hatte mir der Busfahrer doch am Morgen eröffnet, Studenten hätten kein Anrecht auf Ermäßigungen – außer bei Monatskarten. Frechheit. Und dann noch 120 Euro für eine Nacht im Zug, ohne Frühstück? Früher wäre mir das nicht passiert. Wie peinlich. Das machen doch sonst nur – Touristen, im Zug sitzenbleiben an der Endstation. Aber was soll’s. Wer hat das denn schon mal erlebt.
Die Bahn fährt los, die Rothaarige setzt mich ab. Herrmannstraße. „Und in Zukunft rennwa nich mehr nach die Bahn, is dit kla?“ Kla. Ich bedanke mich, wie es sich für einen Touristen gehört, freundlich und begebe mich zum S-Bahnhof, denn ich hatte mich vorhin auch noch unnötig in die falsche U-Bahn gesetzt.
Und ich gehe die Treppe runter und sehe den Zug. Und renne.
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