Einer dieser Tage

Mit dem heutigen Tage beginnt für mich das zweite Semester. Ein außergewöhnlicher Tag, nicht so vorhersehbar wie viele andere. Ein Protokoll in Bildern (folgen).

8 Uhr. Ich wache auf, zum ersten Mal in diesen Ferien, die ich in Berlin verbrachte, wo ich doch sonst immer schlief bis nachmittags, und wachblieb nachts bis zum Exzess, ich wache also auf, ganz ohne Wecker oder andere Störfaktoren, einfach weil heute ein Tag ist. In der Nacht hatte ich noch bis um zwei gesessen; Daten sichern für den Weg nach Hessen.

9 Uhr. Frühstück ist fertig, die Koffer von der Nacht notdürftig gepackt, ich zweifle, ob ich (die Koffer) Übergewicht haben würde, die Brötchen sind fertig, und ich dusche. Die Frisuren, die ich morgens immer mit den nassen Haaren forme, sind oftmals vergänglich. Heute nicht – meine Lieblingshassfrisur mit zurückgekämmten Haaren wird mich den ganzen Tag über begleiten.

10 Uhr. Fahrt zum Flughafen. Die Stadtautobahn wandelt sich etappenweise. Sonne, Bewölkung, Schneesturm. Gutes Vorankommen, trotz verminderter Sichtweite. Ich zweifle immer noch, wegen dem Übergepäck.

Boy, that’s a weather!

11 Uhr. Am Checkin-Schalter kein geschäftiges Treiben, wie an manchen Zeiten, und 19,1 Kilogramm, 900 Gramm unter der Schmerzgrenze. Zu oft schon wurde mein Gepäck von GlobeGround als “heavy” deklariert, zuzahlen musste ich bislang noch nicht. (Andererseits: Wenn eine fette Frau hinter mir in der Warteschlange mit ihrem grauslichen Nerz und behangen mit Ketten und Ringen nur fünfzehn Kilo Gepäck hat, ist meines Erachtens das Fertigmachen von kleinen Florianen mit ein paar Kilo Übergepäck und einem nicht nennenswerten niedrigen Nebenbeikörpergewicht inakzeptabel, ja, obwohl man sich an Regeln halten sollte, keine Frage.)

12 Uhr. “Kommen Sie bitte hier rüber, da drüben der Security Check ist für Reisen in die Türkei.” Ich glaube es. Es ist einer dieser dummen Tage, an denen ich erschreckend naiv bin. Wie oft bin ich schon rechts lang gegangen? Schließlich führen beide Gänge in die selbe Wartehalle, die einzige, für nur einen Flug jeweils, wohlbemerkt. Aber ich glaube es. Flüssigkeiten? Nicht dass ich wüsste, sage ich, er erwidert: Dann ist meistens was im Gepäck. Ich behalte Recht, und es ist auch einer dieser Kannsein-Tage, an denen ich nicht ja oder nein sagen kann, sondern nur schwammige Ausweichantworten geben kann. Es läuft DW-TV im Fernsehen, mit meinen Lieblingsanchors, auf Englisch, und ich schmunzle, als ich daran zurückdenke, wie ich mit den derb geschminkten Moderatoren in der Kantine aß (wo das Essen, nebenbei gesagt, gut und günstig und zudem besser als in der Hochschulmensa war, wobei mir einfällt dass die Mitarbeiter des ZDF-Hauptstadtstudios, jetzt unabhängig davon, immer im Ishin ihre Mittagspausen mit Wasabi füllen). Sätze wie “The Gesamtetat is raising” erinnern mich immer an die Deutsche Welle. Während eine Laufmaz kommt, denke ich, dass vielleicht wieder eine Studentin am Promter sitzt, die ich kenne. Es war eine schöne Zeit. Eine Frau stellt sich zwischen mich und den Fernseher. Es ist Ulrike Folkerts, Tatort-Kommissarin im Ersten. Weiter hinten sitzt ihr Kollege, Andreas Hoppe. Auch sie fliegen von Berlin nach Frankfurt, vielleicht für einen Dreh, denke ich. Ob ich ein Foto machen könne, frage ich, obzwar ich anmerken muss, dass beide nicht sehr danach aussahen, fotografiert werden zu wollen. Von ihr bekomme ich immerhin ein Autogramm. Muss das nervig sein, wenn man erkannt wird, denke ich, und im nächsten Gedankenzug: Das bringt das Leben eben mit sich, solche promigeilen Leute wie mich ertragen zu müssen. Ich überlege, ob es sträflich oder förderlich ist, als Journalist promigeil zu sein, komme aber zu keinem Schluss. Ich unterhalte mich noch ein wenig mit ihnen.

13 Uhr. In der Luft, mit der leicht gereizten Stewardess. Das Flugzeug wurde bereits gebrandet und trägt jetzt das neue Logo von Air Berlin. Sonst hebt sich meine Stimmung im Flug meist, heute nicht. Ich lese, schlafe, fotografiere. Falsch: ich versuche zu lesen, komme mir dabei langweilig vor, versuche zu schlafen, bekomme ob der gereizten Stewardess kein Auge zu (ich hatte mich auf Sitzplatz 1C gebucht, um nach der Landung als Erster draußen zu sein, wie immer), versuche zu fotografieren, aber es ist Platz 1C, und auf Platz 1A sitzt ein Ökowichser mit seiner Zeitung und blickt sich durch den Flug. Wir bestellen sogar das Gleiche, warme Brezel mit schwarzem Tee, ohne alles, erschreckend. Er ist mir jetzt schon unsympathisch. Glücklicherweise trennt uns mein Rucksack, denn der, ich spreche aus Erfahrung, passt oft nicht in die Gepäckablage, und da in der ersten Reihe auf den Mittelplätzen 1B und 1E meist niemand sitzt, schnalle ich ihn dort immer neben mir fest. Ich nehme nie etwas aus dem Rucksack heraus, dabei ist da alles drin. Ich bin zu faul, am Ende bekomme ich den oft dann nicht mehr zu, wenn ich was herausgenommen habe. Die Folkerts und der Hoppe sitzen in der Reihe nahe der Tragflächen.

Just for fun

14 Uhr. Eine halbe Stunde zuvor bin ich in Frankfurt gelandet, eine halbe Stunde zuvor fuhr der AIR-Bus nach Darmstadt, zum Hauptbahnhof. Scheiße, stehe ich draußen und ärgere mich. Die Folkerts und der Hoppe hatten kein Gepäck und sind schon längst im Ausgang verschwunden. Was sie machen, frage ich mich immer noch. Neben mir steht diese Frau, die auf der Ypsilanti-Kundgebung auf dem Luisenplatz neulich den Wowereit so komisch angeschaut hatte, fast schon weird, dieser Gesichtsausdruck. Dass es die Ypsifrau ist, weiß ich, weil sie in Tegel zufällig eine alte Freundin getroffen hatte, die fragte, was sie tue, und sie antwortete, sie sei für die SPD in Berlin unterwegs gewesen, lebe aber in Darmstadt und habe da auch einiges zu tun, woraufhin die Freundin, was mich verwunderte, antwortete, sie sei Journalistin, weil sie gar nicht so aussah. Man kann das auch schlecht beurteilen, denke ich zeitgleich. Und warum, frage ich mich, rauchen alle Menschen (die Ypsifrau ausgenommen) an dieser Haltestelle? Ich glotze sie an, die Raucher. Ich würde sie alle gern fotografieren, ihre Furchen, die vertrockneten Fischaugen, den stupiden Ausdruck in ihren Zügen. Bis auf einen, der sich allem Anschein nach regelmäßig die Botoxspritze gibt und seltsam widerlich gebräunt aussieht, sehen alle verdörrt aus. Hinten raucht ein junger Kerl, und er telefoniert, und tut auf wichtig, und raucht dabei, eine nach der anderen. Beziehungsscheiße, denke ich, denn so intelligent als dass er wegen wichtigerer Dinge hier so augenfallend telefonierte, schlussfolgere ich, sieht er einfach nicht aus. Dabei denke ich plötzlich zurück an die Wartehalle in Tegel, wo so ein bilinguales Paar mit einem kleinen Kind saß; er sprach englisch, sie deutsch, und sie fragte ihn, was die Deutsche Welle sei, ob das zweisprachig sei oder warum der Mann da Englisch rede, während die laufende Leiste unten Deutsch verstreute. Ich kam mir blöd vor, aufzustehen, zu sagen, hey, hier, ich war bei der Deutschen Welle und bin da voll der Checker. Also ließ ich sie allein verzweifelt rätselnd sitzen.

15 Uhr. Der AIR-Bus kam sieben nach zwei, mit zwei Minuten Verspätung. Ich zahle den Gepäckzuschlag, wie immer drei Euro fünfzig. Mein rechtes Ohr will hören, aber es kann nicht. Im Flugzeug hatte ich furchtbare Kopfschmerzen bekommen, die mich zeitweise glauben ließen, mein Schädel berste gleich, während ich darüber nachdachte, weil das ja bestimmt vorkommen kann, dass das Gehirn anschwillt und dann gegen die Schädelwand drückt, aber kommt das allein durch den Luftdruck, denke ich dann, und gleich darauf, ob es an Bord wohl Menschen gebe, die das sicher diagnostizieren und im Falle des Falles adäquat behandeln könnten, und dann denke ich, was, wenn es die gäbe, die aber nicht wollten, weil sie mit dem Ökowichser sympathisieren und sie vielleicht etwas fordern, Brezeln oder so, wenn dann gar keine Brezeln mehr da sind, obwohl ich glaube, vorhin gesehen zu haben, dass die Stewardessenanführerin noch Brezeln liegen hatte im Schrank, aber ich bin mir nicht sicher. Die Schmerzen hielten an im Bus, dazu kam ein elender Sonnenschein, der sich wie Hohn über die Gesichter der Menschen legte, die in meinem Umkreis saßen, und der dunkle Schatten der schlafenden Fratzen mich beinahe angriemte. Die Redaktionskonferenz, der Abschluss der ersten Ausgabe unseres Sprosses, der intellektuellen Bereicherung Darmstadts, fängt jetzt an, merke ich, aber wir fahren noch auf der Autobahn, mittlerweile im 671er, der aber nicht an der Hochschule hält, wie der Fahrer jetzt zu verstehen gibt, wobei ich mich schon gefreut hatte, weil im Fahrplan stand dass er dort nicht hielte, er aber zuvor an anderen Haltestellen stoppte, von denen im Plan zu lesen war, dass er sie ebenfalls nicht anführe. Aber ich muss am Friedhof aussteigen. Zum Campus, zum Redaktionsraum, sind es 0,8 Kilometer, steht auf einem Schild, wobei sicher nicht der Raum, sondern vielmehr die Eingangstür gemeint sein kann, und ich denke mir, was für ein undankbarer Job das sein muss, solche Strecken ablatschen und ausmessen zu müssen. Ich bin wie benommen und laufe, den Koffer in der rechten Hand, den Rucksack in der linken, weil er auf die Bandscheiben drückte, die Straße entlang, auf der auch der Karneval stattfand, ich denke zurück, aber deren Namen ich immer noch nict kenne. Ich fühle mich wie Jesus, im negativen Sinne.

16 Uhr. Ich war vorher nicht nochmal im Wohnheim, das wollte ich mir ersparen, sondern bin gleich mit dem Koffer in den AstA-Raum getreten, wo alle saßen und redeten. Ich freue mich, gleichzeitig ist es ein Märtyrium. Mein rechtes Ohr hört nur, wenn ich den Kopf nach unten neige, von rechts aus gesehen, mein Blick ist vernebelt, mein Gehirn offenbar wieder etwas abgeschwollen, aber es drückt vehement. Ich habe selten Kopfschmerzen, doch wenn sie kommen, wollen sie auch in Erinnerung bleiben.

17 Uhr. Wir haben Bilder gemacht, Texte besprochen, Geschichten entwickelt und Fragen geklärt. Wenn ich ehrlich bin, erinnere ich mich an fast gar nichts mehr. Der Tiefpunkt des Tages, der Auffassungsgabe. Nur dass es schön war, so viele wiederzusehen, daran erinnere ich mich. Und an die Musterseiten unserer Layouter, die machen schon etwas her. Und an ein Kochmagazin mit dem prestigeträchtigen Titel “LECKER”, ästhetischen Fotos und einem ansprechenden Layout (neben der InTouch, die auch auf dem Tisch lag, ein wahrer Gottessegen, auch wenn ich das Betrachten von gebratenen Perlhühnergerichte angesichts der zwei Schrippen am Morgen und der Brezel im Flieger ziemlich unangenehm empfand, es drückte so auf den Magen).

18 Uhr. Immer noch wird geredet, aber richtig empfänglich bin ich nicht. Ich kann ein bisschen sagen, aber der Rest ist irgendwie nebensächlich, das ärgert mich, bislang auf Redaktionssitzungen war das nie so, aber im Moment will ich nur schlafen.

19 Uhr. Fast auf die Stunde genau komme ich in mein Zimmer, ein vertrauter Anblick. Ich fahre schnell zu Burger King und stopfe mir Fastfood in die Fresse, zu Aldi, besorge Brötchen und Fleischsalat, und Weintrauben (esse ich in Berlin recht selten, aber im Wohnheim fast jeden Tag: Crimson Seedless).

20 Uhr. Schlafen wäre schön, aber es geht einfach nicht. Zum einen steht das Bett voll mit ausgepackten Sachen, und die Lust am Schlafen fehlt auch gerade.

21 Uhr. Was mache ich nur? Schlafen geht nicht. Sonst bringt mich Fernsehen zum Einschlafen, Programm für die Massen. Ich schaue Peter Zwegat im Internet. Auch langweilig. Ich schalte um auf Musik von Yael Naim. Besser.

22 Uhr. Ich liege im Bett. Nach einigen Minuten und einem schönen Banane-Kleeblüten-Tee ziehe ich mich wieder an und setze mich hin. Bin ratlos.

23 Uhr. Desi kommt rein, will Streichhölzer für ihre Kerzen im Zimmer. Kurze Zeit später stehen wir am Waschbecken, mit Erde befleckt die Hände. Wir pflanzen Kaffeesamen ein.

Dési und die Kaffeebohnen

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