Die Schwarzverkäufer

Nach dem Feierabend fängt die Arbeit für Li Wei erst an. Wenn es dunkel wird über Beijing, macht er sich auf mit seinem Rad nach Wudaokou, im Schlepptau aberhunderte von Nachdrucken berühmter Bilder Monets, Portraits von Marilyn Monroe und Audrey Hepburn, Abbildungen rosetfarbener Katzen und kaffeebraun befellter Hundewelpen.

Am Tage ist Li Wei Hausverwalter einer Wohnsiedlung, aber nachts widmet er sich dem Verkauf seiner Nachdrucke, die je nach Größe fünf bis zehn Kuài kosten. Er verkauf illegal, denn Steuern zahlt er nicht; neben ihm reihen sich andere Stände auf mit Kleidern, Bauchgürteln, Accessoires, Haustieren. Eine lukrative Gelegenheit, nach der Arbeit noch etwas Geld dazu zu verdienen. In den Straßen um den Bahnhof Wudaokou pulsiert das Leben. Die zwei größten Universitäten des Landes sind gleich in der Nähe, besonders junge Menschen zieht es hier hin, ins »Koreanerviertel«.

Fällt der Blick von Weis Stand auf die andere Straßenseite, leuchten dort die großen Konsumtempel, in denen Konfektionsware der höheren Preisklassen feilgeboten wird. Das eigentliche Geschäft aber spielt sich auf dem Gehweg ab. In Spitzenzeiten stehen dort bis zu 30 Autos, die Kofferräume zu nächtlichen Wühltischen umfunktioniert. In jüngster Zeit vermehrt auch Wagen der gehobenen Mittelklasse: Wenn es dem Unternehmen schleht geht, wenn die Löhne gekürzt werden – wenn die Ausgaben für Wohnung, Auto und Familie aber stagnieren oder steigen – ist die Möglichkeit, einen illegalen Stand zu eröffnen, oft eine kleine Rettung im Alltag. Manch Angestellten steht die Scham ins Gesicht geschrieben, wenn sie aus Geldnot ihr Eigentum in Teilen verkaufen müssen. Oft sind es die Frauen, die ihre Männer ermutigen, Gefallen an der Situation zu finden und keine Scheu zu haben, vielleicht eines Tages auch Freunden oder Bekannten als Verkäufer gegenüber zu stehen.

Heute steht nur ein alter Volkswagen Santana auf der Promenade, das Polizeiaufgebot gegen den illegalen Handel hat zugenommen in den letzten Wochen. Rückbank und Beifahrersitz des Wagens dienen als Ladefläche, aus dem Kofferraum bedient sich die neue Bildungselite an modischen Leggings. Plötzlich ein Schrei. Hastig scheucht der Verkäufer die Kundinnen weg, wirft die Schilder ins Auto, knallt den Kofferraum zu, den Rest erledigt die Zentralverriegelung. Ratlos in einigen Metern Entfernung stehen die rum, die eben noch im Kofferraum gewühlt hatten, und bewegen sich erstmal nicht. Die Beamten des sich nähernden Polizeiwagens herrschen den Verkäufer an: »Machen Sie, dass Sie hier wegkommen. Und die Pappe vom Nummernschild runter!«

Die Situation für die Behörden ist aussichtslos; die Verkäufer auf frischer Tat zu ertappen schier unmöglich. Bis die Polizei sich den Weg gebahnt hat zu den Verkäufern, sitzen die meist schon in ihrem Auto, die Türen verriegelt, und gucken aus dem Fenster. Sind die Autos erstmal verschlossen, kann die Polizei nichts tun, außer sie ziehen zu lassen. Wie den Leggings-Verkäufer.

Der illegale Handel erfreut sich großer Beliebtheit, bei Käufern und Händlern gleichermaßen, denn Flohmärkte sind rar in Beijing, oft kosten sie Geld und sind auf Antiquitäten beschränkt. Mitunter, sagen die illegalen Verkäufer hier, kann so ein Abend auf der Straße ein Abendessen im Restaurant oder das Fernsehen zu Hause auf angenehme Art ersetzten. Für manch einen ist das Hobbyverkäufer-Dasein zu einer neuen Existenzgrundlage geworden; eine neue Art des Nachtleben ist es für andere. Viele Verkäufer hoffen, bald legal aus dem Kofferraum verkaufen zu dürfen, ohne sich um Steuer-Abgaben oder eine Gewerbe-Anmeldung kümmern zu müssen – ausrotten lassen wird sich der illegale Handel auf der Straße wohl eh nicht. In Guangzhou im Süden des Landes wurden bereits Pilotprojekte gestartet, die den illegalen Handel in bestimmten Straßen legalisieren und fördern.

Li Wei kann von der Beijinger Polizei indes nicht belangt werden. Er steht auf der anderen Straßenseite. »Die Gegend hier ist in drei Verwaltungsbezirke unterteilt – und für den, in dem wir gerade stehen, sind diese Polizisten nicht zuständig, also lassen sie uns in Ruhe.« So verkauft er noch einige Stunden seine Nachdrucke, bis er schlafen geht, um am nächsten Morgen wieder aufzustehen und wie jeden Tag zur Arbeit zu gehen.

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