»Wenn man von der Sonne spricht, so scheint sie«

Wenn die Sonne des Sommers in Trondheim versinkt, ist der Mond schon lange aufgegangen. Mitternacht, da fängt es an zu dämmern, und mehr passiert auch nicht, bis die Sonne wieder aufgetaucht ist, hinter dem Fjord, über Trondheim. Im Süden, eine Tagesreise entfernt, liegt Darmstadt, im Norden der Polarkreis, Fahrzeit zwölf Stunden.

Trondheim

Eine kleine Stadt, und doch: Norwegens drittgrößte, umgeben von Wäldern, 168 000 Einwohner, ein Fünftel Studenten. Nah am Hafen ist Trondheim recht belebt, besonders nachts um drei, wenn die Sonne scheint. Wenn die letzten Studenten vor die Tür gesetzt werden, weil die Clubs jetzt schließen – da weiß der ungeübte Dunkelmensch aus Darmstadt nicht wohin mit dem Schlaf, ihm ist eher nach Aufstehen zumute. Der Nachtschock.

Auch Ray steht da, auch er hat gefeiert. Es ist Donnerstag, besser: war Donnerstag, und da ist wie in Darmstadt Ausgehtag. In den meisten Clubs ist der Eintritt frei, das Bier kostet nur die Hälfte. Zum Vortrinken, dem so genannten „Vorspiel“, trifft man sich ab 22 Uhr. Der Alkohol ist teuer und wird zum Großteil nur im staatseigenen „Vinmonopolet“ verkauft. Der billigste Wein kostet neun Euro. So ist es immer noch populär, wenn auch nicht ganz ungefährlich, Alkohol selbst zu brennen, oder nach Schweden zu fahren, um dort billiger einzukaufen.

Das Vorspiel ist bei durchschnittlichen sechs Euro pro Glas Bier in Clubs für die Norweger unumgänglich, doch am Donnerstag kostet es im „Downtown“ am Hafen nur 2,30 Euro. Man zahlt – natürlich – mit Kreditkarte, wie auch sonst alles. „Die Musik ist beschissen, die Leute sind beschissen, aber man kann einfach nicht anders, als ins Downtown zu gehen, am Donnerstag, bei den Bierpreisen“, sagt Ray. Viele, die jetzt die Promenade bevölkern, sind betrunken – knülle könnte man sagen, doch das heißt „ficken“ in Norwegen.

Um in die Clubs eingelassen zu werden, muss man oft älter als 23 sein. Alternative Clubs und Kneipen gibt es in Trondheim kaum, die meisten sind deutsche Großraumdiscos in klein. Die Frauen sind selbst für den Sommer mit nordischer Sonne zu stark gebräunt, die Musik ist laut, House wechselt sich mit norwegischen Popsongs ab. Zum Rauchen geht man wie in Darmstadt nach draußen. Doch die Norweger haben uns etwas voraus: Snus, Oraltabak unter der Oberlippe. Der mit Salz versetzte Tabak steckt im kleinen Teebeutel und enthält ungefähr so viel Nikotin wie eine Zigarette. Mindestens eine halbe Stunde lässt man ihn im Mund. In der gesamten EU – mit Ausnahme von Norwegen und Schweden – ist der Verkauf von Snus verboten.

Nicht lange dauert es, da ist die Promenade menschenleer. Halb vier. Auch Ray ist nach Hause, nach Moholt, gefahren, dem größten Studentenwohnheim in der Stadt. Knapp acht Euro würde die kurze Nachtbusfahrt kosten – genauso viel wie ein günstiger Döner in Trondheim – ein Semesterticket gibt es nicht. Fast jeder Student hat deshalb ein Fahrrad, und wer keines hat, der „leiht“ sich eines über Nacht. Nicht umsonst ist Trondheim die Stadt mit dem weltweit ersten Fahrradlift, der „Sykkelheisen Trampe“.

Froh sollte man sein, die Stadt so vor sich liegen zu haben, etwas verbraucht zwar, aber ohne die Pauschaltouristen, die kurz vor der kürzesten Nacht des Jahres scharenweise aus den Luxuslinern in die Innenstadt geschüttet werden, um sie abzufressen. Nachts schlafen sie brav und nur die Möwen laben sich noch an den Überresten des vergangenen Tages. Sightseeing bei Nacht, wenn die Stille erwacht – warum nicht. Hell ist es ja.

Darmstadt und Trondheim sind schon lange verschwistert. Und es ist erstaunlich, wie viel Vertrautes es bietet, das Darmstadt des Nordens unter dem Polarkreis. Beide Städte tragen den Titel „Wissenschaftsstadt“, haben technische Universitäten mit Renommee, haben Lui und Olav, das Schloss und die Festung. Nur einen richtigen Fluss, den hat Darmstadt nicht, ganz zu schweigen vom Meer, den Kronjuwelen und – man unterschätze das nicht – einer großen Schokoladenfabrik.

Nur unweit vom Hafen liegt das Zentrum der Stadt. Dem Darmstädter Touristen wird es in Trondheim an nichts fehlen: Der „Olav Torvet“ ist ein kleiner Luisenplatz – am Tage Anlaufstelle der umliegenden Dorfjugend; mit Luisencenter („Trondheim Torg“) und Haltestellen sämtlicher Buslinien der Stadt.

Ludwig heißt in Trondheim also Olav. Als die Wikinger im elften Jahrhundert das Christentum nach Norwegen brachten, stieg er – zu Lebzeiten „der Dicke“ genannt – auf zum König und ließ alle nicht freiwillig Konvertierten köpfen. Er wurde gehasst, floh später ins Exil nach Russland und kam mit einem Heer zurück. Das half ihm nichts; er starb kurz darauf in der legendarischen Nacht in der
Schlacht von Stiklestad.

Niemand wollte Olav begraben. Und so wurde er – nachdem seine Leiche einige Tage gedörrt hatte – in einer hellen Augustnacht in der Nidelv (Darmbach) versenkt. Zahlreiche Wunder sollen fortan geschehen sein, und genau ein Jahr nach seinem Tod – so die Überlieferung – sei Olavs unversehrte Leiche mit rosigen Bäckchen und vollem Haar an der Oberfläche getrieben.

Olavs Gräueltaten waren vergessen, er wurde heilig gesprochen, und jedes Jahr zum Olavsfest trugen vierzehn Männer den mit Juwelen verzierten Silbersarg durch Trondheim. Wo seine Gebeine heute liegen, kann niemand mehr sagen – die Statue zu seinem Gedenken aber steht noch immer auf dem Platz, dem Olav Torvet. Gleich in der Nähe, auch ihm gewidmet: der Nidorasdom, Norwegens Kulturschatz, die Krönungskathedrale der Herrscher des Landes.

Auf dem anderen Ufer liegt der Campus „Gloshaugen“ der Universität NTNU (Norwegian University of Science and Technology). Die Gebäude sind so zusammengewürfelt, dass man meinen könnte, die prägendsten Elemente aus Hogwarts, dem Glaskasten und der Tristesse des Campus Dieburg seien hier kunstvoll arrangiert worden. Viele der Studenten kommen nach Trondheim, um schwimmen zu gehen. Radzufahren. Zu Wandern. Im Winter kann man auf Skiern zur Uni fahren. Viele der Studenten leben in Moholt, unweit vom Campus, einer Mischung aus Karlshof und Wohnheim Nieder-Ramstädter Straße. Für ein Zimmer in einem der Backsteingebäude zahlt man ungefähr 330 Euro, dafür teilt man sich mit drei anderen Mitbewohnern Küche und Bad.

Fährt man von Moholt aus ins Tal, kommt man ins Viertel Bakklandet. Hier stehen alte Speicherhäuser, und als in Darmstadt erste Planungen für die Nordostumgehung begannen, wollte man auch hier das Stadtviertel zugunsten einer Autobahn vernichten. Und man hätte es fast getan, wäre die Stadt nicht am Widerstand der Trondheimer gescheitert.

Etwas weiter durch die Altstadt kommt Svartlamon. Abseits der Touristenströme liegt ein alternatives Viertel, das ein wenig Berlin-Friedrichshain-Flair versprüht. Hier lebt Anne aus Deutschland mit ihrem Freund. Als Au-Pair kam sie vor fünf Jahren in den Süden des Landes – und blieb. Dann ging die 24-Jährige nach Trondheim, um Soziale Arbeit zu studieren. „Ich bin hier viel glücklicher als in Deutschland“, sagt sie. An das fehlende Licht im Winter habe sie sich längst gewöhnt. Am Tag arbeitet Anne beim Roten Kreuz und führt deutsche Touristen von Kreuzfahrtschiffen durch Trondheim: „Die kommen meist nur kurz vom Schiff herunter und werden dann in zwei Stunden mit dem Bus durch die Stadt gekarrt.“

Knapp 200 Menschen wohnen in Svartlamon, das wie eine Mischung aus Studentenwohnheim und Bauwagenplatz wirkt. Über neue Bewohner wird bei regelmäßigen Treffen gemeinsam entschieden; es gibt kleine Läden, Cafés und einen Kindergarten. Jeden Montag ist für wenige Stunden die „Gratis Butikken“ geöffnet, ein Laden, in dem man Sachen abgibt oder einfach kostenlos mitnehmen kann. „In den 90er Jahren sollte das alles hier abgerissen werden, aber die Bewohner hatten die Häuser besetzt“, erzählt Anne. Die Stadt musste einlenken.

Unweigerlich fällt der Blick herüber aufs Wasser, auf den ehemaligen U-Boot-Bunker, den Hitler im Zweiten Weltkrieg nach Plänen von Albert Speer im Fjord bauen ließ. Fünf Jahre, von 1940 bis 1945, war Trondheim von deutschen Truppen besetzt. Bei der „Operation Weserübung“ sollte eine Marinebasis in „Neu Drontheim“ entstehen. 30 000 Deutsche sollten dort wohnen, im Verlauf des Krieges wurde der Bau jedoch eingestellt. „Sprengen kann man den Bunker nicht, sonst würde alles im Umkreis von einem Kilometer zerstört werden“, sagt Anne. „Deshalb hat man das Staatsarchiv dort untergebracht.“

Bleibt die Frage, warum gerade Trondheim seit 1968 eine der Partnerstädte Darmstadts ist. Das aber weiß selbst der Partnerstadtbeauftragte der Kommune Trondheim, Gerhard Dalen, nicht. Frisch ist er im Amt, seine Stelle gibt es erst seit Anfang 2009. „Vielleicht kannten sich die Bürgermeister oder eine Organisation hat den Anstoß dazu gegeben“, mutmaßt er. „Im Archiv der Stadt habe ich nichts gefunden.“ Dalen stammt ursprünglich aus dem Süden Norwegens, auch er hat den Nachtschock in Trondheim erlebt: „Ich war gerade im Garten und wollte danach die Spätnachrichten um 23 Uhr schauen“, erzählt Dalen, „als ich dann ins Haus ging, hatten wir plötzlich drei Uhr nachts. Ich hatte vollkommen die Zeit vergessen.“

Nachtrag. Aus einer Diplom-Arbeit, die im Büro für Städtepartnerschaften in Darmstadt vorliegt, heißt es:

Die ersten Kontakte zwischen Trondheim und Darmstadt sind 1964 auf
persönlicher Ebene entstanden. Der damalige Darmstädter
Oberbürgermeister Dr. Ludwig Engel hat, bedingt durch die Heirat seiner Tochter, Trondheim besucht und Gefallen an der norwegischen Stadt
gefunden. (…) Zur eigentlichen Partnerschaft zwischen Darmstadt und Trondheim hat 1967 der damalige deutsche Außenminister Willy Brandt einen wichtigen Beitrag geleistet. Willy Brandt ist 1933 von Deutschland nach Norwegen ausgewandert, um dort die deutsche Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus zu unterstützen. Seine Kontakte zu Norwegen hat er aufrechterhalten und Beziehungen wie die zwischen Darmstadt und Trondheim konnten auch Dank seiner Unterstützung aufgebaut werden.

Mit Anke Schuhardt. Erschienen im Buch nachts in darmstadt.

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